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DIE LAMMER IN SILBERNER ABENDDAMMERUNG
Das Lager wurde vom Stacheldraht umkreist und von   Feldern, die zu bestellen waren.
Harieth wurde in   einem Geleitzug von Lastkraftwagen, voll von auch anderen Frauen, Alten und Kindern, alle mit dicken Stricken um ihren Händen und Beinen gebunden, dorthin gefahren; zudem wurden sie noch mit einem gemeinsamen Strang   gebunden, was jede Art der Flucht oder Herausspringens unmöglich machte.
  Meistens schwiegen sie. Zeitweilig schrien junge Frauen um Hilfe aus vollem Halse, aber sie würden danach von dem Wächter entweder mit einem heftigen Schlag des Gewehrs zum Schweigen gebracht oder er zerschlüge ihnen die Nasen   mit   Schimpfen und Sprüchen, Schweigen sei Gold.
Als sie ankamen, waren Harieths Augen schon angeschwollen vom Weinen. Ein Soldat zog sie an den Armen und trieb sie aus dem Wagen heraus.
-Raus, ihr Viecher! ...   Los, du Aas, beweg dich! ...Rühr dich, also! ... Wir haben nicht   den ganzen Tag zur Verfügung. ... Komm, du bist weder der erste noch der letzte, der hier angekommen ist! – schrie er   die ganze Zeit lang,   das Gewehr auf   sie gerichtet haltend.
      Ein Mann versuchte zu fliehen. Der Soldat schoss ihn mit einem Schnellfeuer ab. Der Mann fiel nieder, und Harieth dachte sich, sie habe nichts Schlimmeres   in ihrem Leben gesehen. Sie befolgte die zum Gebäude vorwärtsschreitende Kolonne, in deren Richtung sie mit   Schimpfwörtern und   Schreien geführt wurden. Die Gedanken an den möglichen Tod   wollten ihr nicht aus dem Kopf gehen. Helgas Tod war doch schöner als Sterben jenes Menschen kurz vorher. Sie hörte auch, als er gehoben wurde, wie ein Soldat sagte:  
    -Ins Krematorium mit diesem Luder. Vielleicht ist er auch ansteckend?!
Das Gebäude, wohin sie geführt wurden, war riesig, obwohl es Harieth nur oberflächlich   anblickte. Sie war vom Gefühl   des nahen Todes stark besessen. Sie wollte noch nicht sterben. Wenn der Zeitpunkt ihrer Übergabe ins Lager wenigstens näher dem Ereignis, nachdem Heinz Wegener sein Mütchen an ihr   gekühlt hatte, gewesen wäre, wäre ihr jetzt auch gleichgültig, ob auch sie von einem flinken Schnellfeuer abgeschossen und somit   von den   Qualen des Überlegens und der Verbannung   entlastet   würde. Das Problem liegt darin, dass wir manche Sachen im Leben nicht wählen können. Sie kommen einfach vor.
Sie wurde in die Abteilung geführt, wo sich auch andere junge Frauen befanden. Offensichtlich wurden sie dem Alter, Aussehen, Geschlecht nach eingeordnet... Sie wusste nicht, warum. Da wurde ihnen die Kleidung zugeteilt, auf   ein schäbiges graues Kleid   reduziert. Die gesamte Kleidung, die sie trugen, mussten sie   ausziehen. Harieth bemerkte, wie die Soldaten ihre nackten Körper anstarrten und ihnen Schimpfwörter   zuwarfen. Ein Soldat trat einem jungen Mädchen   heran und hielt sie an dem Ellbogen.
-Wir könnten uns irgendwo treffen, ei?   Du bist so schön.
-Lass mich – das Mädchen versuchte sich losmachen. Sie war nackt. Das graue Kleid fiel herunter.
Der Soldat versuchte sie anzutasten. Das Mädchen spuckte ihm wütend ins Gesicht. Daraufhin konnte   man einen Schuss hören und das Mädchen sank tot nieder auf den Boden.
-Hol sie zum Krematorium. Schade um so ein schönes Kätzchen! – murmelte jener Soldat, das aus den Brüsten des Mädchens fließende Blut   anstarrend. Er hielt das Maschinengewehr auf sie gerichtet, jede Einzelne   aufs Korn nehmend. -Lassen wir   sofort etwas klar machen! Ich dulde keine Dummheiten. Insofern irgendeine von euch   mit uns nicht zusammenarbeiten will, lasst uns sofort sagen. Wir wollen später keine Probleme haben.
Alle Mädchen schwiegen und kleideten   sich wieder an.
Diese Situation erinnerte Harieth an jene Szene mit ihrer Tante, als sie einmal sie in ihrem Haus besuchte und die neue Kleidung ausprobierte. Nur diesmal fühlte sie sich noch unangenehmer, da sie so ganz nackt von mindestens fünf Männern beobachtet wurde. Das noch Schreklichere lag darin, dass   für jede Kleinigkeit der sichere Tod zu erwarten war. Wenn sie manchmal auch darüber nachgedacht hätte, war ihr jetzt deswegen nicht einerlei. Sie presste ihre Lippen zusammen. Sie ertrug im Leben schon Vieles. Sie wird auch dies überleben.
In der Kolonne wurden sie   zum Schlafsaal geführt. Jedes Mädchen hatte ein Bett für sich, und in jedem Zimmer gab es fünf   Lager. Nachdem sie in den Raum mit noch drei Mädchen hineintrat, da die zwei Lager schon besetzt wurden, schloss sich die schwere, eiserne Tür knallend hinter ihr und der Schlüssel im Schloss drehte sich   um.
-Seid gut!- hörten sie, wie der Soldat noch zuwarf, bevor er   die winzige, sonst vergitterte Öffnung zugeschlossen hatte.
Harieth stand einige Minuten   ruhig da. Die zwei Mädchen, die hier schon gelegen haben, beobachteten sie sprachlos. Eine von ihnen   war dunkelhäutig und erinnerte sie ohne Zweifel an Dorinda aus dem Würstelstand. Allein dieses ein wenig niedrigeres Mädchen mit dem frechen Blick   war jünger als die anderen.
- Also, leg dich schon! Warum glozst du mich so dumm an? – schnauzete das Mädchen Harieth an. Sie legte   danach   lächelnd   auf den Bauch. - Hoffentlich bist du keine Lesbe?
Es ist furchtbar, als   derartige ankommen. Sie werden zu Greta geschickt...
-Ich bin keine Lesbierin – seufzte Harieth und schloss, dass sie mit diesem Mädchen nicht am besten sich vertragen wird, als früher mit Dorinda.
- Egal, was du bist. Ficken gibt es hier, mein Herzchen, ganz genug. Willst du nicht Greta, sind die Posten immer da. Und ihnen ist es ganz egal, ob du es willst oder nicht. Sie lassen sich nur an dich anreihen, und dann füllen dich mit dem Gas zum Andenken und bleibender Erinnerung. Alles in allem endest du im Krematorium – das Mädchen verschieb die Hände unter das Kissen. Sie zog eine Zigarettenpackung   heraus. –Rauchst du?
Harieth schüttelte den Kopf. Sie bemerkte, wie sie von anderen Mädchen angesehen wurde.
-Schade.Wenn du   die Dummheiten von der Schädlichkeit des Rauchens beachtest, solltest du wissen, das ist   ein schwerer Betrug. Jedenfalls wirst du verrecken. Alle sterben hier.
-Ich hab´s schon bemerkt.